Wasserkraft aus holistischer Perspektive

von Big-Jump-Team DE

Über Wasserkraft nachdenken.

 

Können frei fließende Flüsse unser Klima besser schützen als grüne Wasserkraft? Eine umweltethische Perspektive. 

Lea-Victoria Kramkowski

 

Das Kyoto-Protokoll, Klimakonferenzen, das 2 Grad-Ziel; zum Thema Klimaschutz fällt wohl mittlerweile jedem das eine oder andere Schlagwort ein, denn die Klimaerwärmung ist heutzutage eine allgemein bekannte unbequeme Wahrheit. Auch wenn Klimaschutz oft mit anderen Naturschutzbelangen Hand in Hand gehen kann, gibt es Fälle in denen er hingegen zu anderen Naturschutzzielen in Konkurrenz tritt. Der Umweltaktivist Ulrich Eichelmann spricht in seinem Film „Climate Crimes“ von Umweltverbrechen unter dem Deckmantel von Klimaschutz. Die geläufige Meinung zur Rettung unseres Klimas ist der Ausbau erneuerbarer Energien. Mit dem regenerativ erzeugten Strom soll wiederum das Wirtschaftswachstum beibehalten werden können und gleichzeitig einen grünen Anstrich bekommen. Damit kann darüber hinaus eine kritische Reflexion unseres Konsumverhaltens und die Einsicht zur Verbrauchsreduktion umgangen werden. Die Formel lautet also vereinfacht: Klimaschutz= grüne Energien= grünes Wachstum.

Wasserkraftanlagen als eine Form erneuerbarer Quellen nutzen die Energie des fließenden oder in einem Stausee ruhenden Wassers, um vornehmlich elektrische Energie zu gewinnen. Dabei werden keine endlichen Ressourcen erschöpft, da der von der Sonne angetriebene Wasserkreislauf beständig neues Wasser zur Energiegewinnung bereitstellt. Gänzlich ohne Treibhausgasemissionen ist die Wasserkraft jedoch nicht: Durch die in den Stauseen verrottenden, abgestorbenen Pflanzen kommt es zu Methan-Emissionen, die vielfach schädlicher für das Klima sind als CO2- Emissionen. Mit dem Betrieb einer Wasserkraftanlage sind auch vielfältige negative Auswirkungen auf die Ökologie eines Flusses verbunden. Durch die aufstauende Wirkung der Anlage verlangsamt sich die Fließgeschwindigkeit des Flusses oberhalb des Wehres was zu Temperaturerhöhung, dem Verschließen des Kieslückensystems (=Lebensraum im Kies des Ufers und des Grundes von Gewässern) und Änderungen des Sauerstoffgehalts führen kann. Außerdem bleiben durch fehlende Wasserspiegelschwankungen Umlagerungsprozesse Richtung Ufervegetation aus, dessen Resultat Veränderungen der Artenzusammensetzung in den angrenzenden Auen sein kann. Unterhalb des Wehres fehlt das von der Anlage zurückgehaltene Treibgut, sodass die Fließgeschwindigkeit hier zunimmt und sich das Flussbett tiefer eingräbt, was wiederum einen sinkenden Grundwasserspiegel und das Trockenfallen der Aue bedeuten kann. Darüber hinaus stellt ein Querbauwerk ein unüberwindbares Hindernis für wandernde Tiere dar, wobei die Turbinen vor allem für wandernde Fische eine große Gefahrenquelle sind, da sie sich an den Maschinenteilen oder durch den schnellen Druckabfall während der Turbinenpassage verletzen können.

Während man an dieser Stelle von der Analyse bereits zur Beurteilung möglicher Lösungsmaßnahmen übergehen könnte, möchte ich vorstellen, welche weiteren Fragen sich ergeben, wenn man den Konflikt aus einer holistischen Umweltethik-Perspektive betrachtet. Wenn nicht nur Menschen (Anthropozentrik) oder alles was lebt, also Menschen, Tiere und Pflanzen (Biozentrismus) moralisch berücksichtigt werden sollen, sondern alles was ist einen moralischen Wert an sich hat, muss auch der Fluss, in dem die Wasserkraftanlage installiert werden soll um seiner selbst willen berücksichtigt werden. Das Existenzrecht des Flusses, darf im Holismus nicht für jeden beliebigen menschlichen Zweck übergangen werden. Stattdessen muss kritisch beleuchtet werden, welche Interessen sich auf beiden Seiten gegenüberstehen und ob diese Interessen als existenziell (=basal) oder als randständig (=nicht-basal) einzustufen sind. Dabei gilt, dass basale Interessen Vorrang vor nicht-basalen Interessen haben.

 

Garska Reka (Quelle: Goran Safarek, balkanriver.net)

 

Der Energiehunger der Menschen des globalen Nordens ist immer wieder Diskussionsthema ob seiner verheerenden Folgen für die Umwelt oder globaler Gerechtigkeitsfragen. Aber wie hoch darf der Energieverbrauch ausfallen, damit er als nachhaltig und gerecht eingestuft werden kann? Während über die untere Grenze noch weitestgehend Übereinstimmung herrschen mag, insoweit jeder Mensch Zugang zu Nahrung, Obdach und sauberen Wasser haben sollte, ist die obere Grenze des Energiebedarfs schon weitaus schwieriger konkret abzustecken. Denn zum einen muss von kulturspezifischen Unterschieden ausgegangen werden, zum anderen verändern sich mit technischen Innovationen sowohl die Möglichkeiten als auch die Ansprüche. Aber auch wenn die Grenzbestimmung nicht eindeutig erfolgen kann, so ist das Nachdenken und Diskutieren über selbige schon ein wichtiger Schritt, der in Richtung Umdenken führt und damit Verhaltensänderungen nach sich ziehen kann. Denn solange weiterhin nur auf effizientere Geräte und auf die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien gesetzt wird, kann der Ressourcenverbrauch und der Druck auf die letzten verbleibenden wilden Flüsse nicht reduziert werden. Der Wachstums-Imperativ ist nicht mit einer gerechten und nachhaltigen Lebensweise vereinbar. Stattdessen sollte Suffizienz als freiwillige Bedarfsreduktion auf individueller und gesamtgesellschaftlicher Ebene etabliert werden. Diese freiwillige Bedarfsreduktion entspricht dabei sowohl Klima- als auch Naturschutzzielen und zollt dem moralischen Eigenwert nichtmenschlicher Entitäten Respekt. Das bedeutet, dass wir um den Klimawandel aufzuhalten,  weitestgehend unberührte Habitate zu erhalten und selbige auch um ihrer selbst willen zu würdigen,  einsehen und umsetzten müssen, weniger zu konsumieren, weniger auf elektronische Geräte angewiesen zu sein beziehungsweise uns mit ihnen die Zeit zu vertreiben und Kurzurlaube mit dem Flugzeug kritisch zu hinterfragen. Wenn wir alle diese gedankliche Kehrtwende und Bedarfs-Entrümpelung in unseren Leben angehen, könnten die letzten wilden Flüsse der Welt verschont und mit ihnen eine große Zahl an Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben gerettet werden.

 

Weiterführende Links und Literatur:

Kampagne Rettet das blaue Herz Europas: http://balkanrivers.net/de

BJC-Unterstützungsaktion für das blaue Herz Europas: http://en.bigjumpchallenge.net/news-details/learn-about-save-the-blue-heart-of-europe.html

Kramkowski, L. (2015), Eine umweltethische Analyse des Zielkonflikts zwischen Klimaschutz und Naturschutz am Beispiel der kleinen Wasserkraft in Deutschland mithilfe der Holismus-Theorie Martin Gorkes. Download hier.

Giesecke, J.; Heimerl, S.; Mosonyi, E. (2014): Wasserkraftanlagen. Planung, Bau und Betrieb. 6.Auflage, Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag.

Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MUNLV) (2005): Handbuch Querbauwerke. Aachen: Klenkes-Druck und Verlag GmbH.

Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom Verlag.

Stengel, O. (2013): Reicht Energieeffizienz oder benötigen wir zusätzlich Energiesuffizienz? In: Demuth, B.; Heiland, S.; Wiersbinski, N.; Ammermann, K. (Hrsg.) (2013): Energielandschaften- Kulturlandschaften der Zukunft? Energiewende- Fluch oder Segen für unsere Landschaften. Bonn: Bundesamt für Naturschutz, S. 55- 62.

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Schöne Analyse! Die Abkehr vom Wachstums-Imperativ ist allerdings in ärmeren Ländern, in denen derzeit der Bau von Wasserkraft boomt, wie in Südosteuropa oder China, nicht zu vermitteln - hier werden auch andere Argumentationsstränge benötigt!
Eine wesentliche Hilfe hierzu - wenn auch mit einigen Fallstricken - ist sicher die integrative Darstellung der Ökosystemleistungen von Flüssen und ihren Auen, siehe z.B. www.resi-project.info , die auch in weiten Bevölkerungskreisen auf Akzeptanz stößt..

- Martin Pusch |

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